Die letzte Eisverbindung über den Hufeisenbruch zur Pasterzenzunge 2023. Foto: ÖAV/Anna Praxmarer Die letzte Eisverbindung über den Hufeisenbruch zur Pasterzenzunge 2023. Foto: ÖAV/Anna Praxmarer
02 Juli 2026

Gepatschferner bald größer Gletscher in Österreich

Pasterze am Großglockner zerbricht in zwei Teile

„Wann genau die Gletscherzunge abreißt, hängt von vielen Faktoren ab. Höchstwahrscheinlich werden dann die Felswände im ehemaligen Eisbruch das erste Mal seit 5.000 Jahren komplett eisfrei sein. Die Pasterzenzunge wird dann endgültig vom Restgletscher getrennt sein und abschmelzen. Ob dies nun genau heuer oder ein bis zwei Jahre später sein wird, ist sekundär“, sind sich die Wissenschaftler einig. 

Nach dem Verlust ihrer Gletscherzunge wäre die Pasterze nicht mehr der größte Gletscher Österreichs, sondern der Gepatschferner in den Ötztaler Alpen in Tirol. Doch auch vor diesem macht der generelle Gletscherrückgang nicht Halt: Der Gletscher im inneren Kaunertal hat aufgrund der Klimaveränderung allein in den letzten fünf Jahren knapp 300 Meter an Länge eingebüßt.

Gletscherzunge der Pasterze „schon längst wie Toteis“

Für die Gletscherzunge der Pasterze selbst hat der bevorstehende Abriss nur wenig Bedeutung, erklären die Experten vom Gletschermessdienst des Alpenvereins sowie von der GeoSphere Austria: „Seit den 2010er-Jahren ist der Eisnachschub von oben so gering, dass sich die Gletscherzunge schon längst wie ein Toteiskörper verhält: Ihre Bewegung ist beinahe zum Stillstand gekommen und die Eismasse schmilzt nicht nur dahin, sondern ist einem großflächigen Zerfall preisgegeben.“ Kellerer-Pirklbauer ergänzt: „Die höchste Fließgeschwindigkeit, die wir unterhalb des Eisbruchs gemessen haben, betrug nur mehr 5,3 Meter von 2024 auf 2025. All das sind typische Merkmale eines Restgletschers, der als Toteismasse zu bezeichnen ist und der sich nicht mehr regenerieren kann.“

40 Jahre Sonderschutzgebiet im Nationalpark: Gletscherrückgang als Auftrag für die Zukunft

Der Österreichische Alpenverein ist mit 333 km² bedeutendster Grundeigentümer im Nationalpark Hohe Tauern und hat dessen Realisierung 1981 maßgeblich mitgestaltet. Das Gebiet rund um Großglockner, Pasterze und Gamsgrube – 1918 mit Hilfe des Naturschutzmäzens und Villacher Holzindustriellen Albert Wirth an den Alpenverein übertragen – ist das Herzstück des Nationalparks und genießt einen besonderen Schutz. Österreichs höchster Berg und (noch) größter Gletscher vereinen hier außergewöhnliche Lebensräume für seltene Arten wie die Alpenschotenkresse oder die Zweifarben-Segge sowie bedeutende Tierarten wie das Steinwild oder den Gletscherweberknecht. Diese Vielzahl an Besonderheiten unterstreicht die ökologische Bedeutung und führte dazu, dass dieses rund 36 km² große Gebiet bereits 1986 durch die Verordnung der Sonderschutzgebiete Großglockner-Pasterze und Gamsgrube zusätzlich abgesichert wurde. 

Auch wenn sich die Pasterze seit den 1980er-Jahren durch den rasanten Gletscherrückgang tiefgreifend verändert, hat das Gebiet nichts von seiner Faszination verloren, betont Barbara Pucker, Direktorin des Nationalparks Hohe Tauern Kärnten: Es habe aber „ein neues Gesicht bekommen“. Die Nationalparkdirektorin dazu: „Wo sich das Eis zurückzieht, entstehen neue Seen wie der Pasterzensee, Pflanzen besiedeln die Schuttflächen und erste Bäume entwickeln sich zu jungen Lärchenwäldern. Diese sichtbare Dynamik ist Ausdruck jener natürlichen Entwicklung, die im Nationalpark bewusst zugelassen wird. Gleichzeitig wächst damit die Verantwortung, dieses einzigartige Gebiet gerade in Zeiten des Klimawandels und zunehmenden Freizeitdrucks bestmöglich zu schützen. Es gilt, die Pasterze und ihr Umfeld langfristig als intaktes Kerngebiet des Nationalparks Hohe Tauern zu erhalten und zugleich den Menschen ein nachhaltiges Naturerlebnis zu ermöglichen – als eindrucksvolles Zeugnis der Veränderung und als Auftrag für die Zukunft.“

Dringender Weckruf für den Klimaschutz

Alpenvereins-Vizepräsidentin Nicole Slupetzky sieht die Entwicklungen an der Pasterze als dringenden Weckruf: „Das Abschmelzen unseres größten Gletschers ist weit mehr als ein lokales Naturereignis. Wir sehen hier ganz klar die Auswirkungen der Klimakrise und damit die Veränderung eines einzigartigen Naturraums, der unsere Alpen über Generationen geprägt hat.”

Als Naturschutzorganisation und größter Grundeigentümer im Nationalpark trage der Alpenverein eine besondere Verantwortung für diesen Lebensraum. „Gleichzeitig fühlen wir uns als Gemeinschaft von Bergsteiger:innen und naturverbundenen Menschen diesem Gebiet emotional und historisch tief verbunden. Umso schmerzlicher ist es, den Rückzug der Pasterze in dieser Geschwindigkeit mitansehen zu müssen. Der Verlust unserer Gletscher hat bereits heute spürbare Folgen für Wasserhaushalt, Biodiversität und die Sicherheit im alpinen Raum. Deshalb sehen wir den Klimaschutz als gesamtgesellschaftliche Herausforderung, der wir uns auch im Vereinsleben aktiv stellen“, so Slupetzky abschließend.



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