Knapp unter dem Gipfel des Koiki Knapp unter dem Gipfel des Koiki
02 Januar 2026

Far Western Nepal – der große weiße Fleck

Eine Expedition ins Unbekannte

“Off the beaten track”: mir haben die Gipfel oder Touren immer am meisten gegeben, die bei meinem Gegenüber nur ein Schulterzucken oder ein großes Fragezeichen erzeugt haben. Die Anti-Everests, Anti-Mont-Blancs und Anti-Großglockners. Egal ob groß oder klein, Haupt- oder Nebengipfel, leicht oder schwierig: Hauptsache es gibt was zu entdecken. Am Besten hat der Berg nicht mal einen Namen (und davon gibt es auch in den Alpen einige wenn man nur genau schaut). Nicht dass ich nicht auch mal so einen vorgekauten Siebentausender voll mit Fixseilen probiert hatte: aber dieser Stil ist einfach nicht meiner. Kein Vergleich vom Erlebnis her mit einem gerne niedrigeren oder leichteren unpräparierten Gipfel.

So habe ich schon lange die Idee mit mir herumgetragen, einmal einen Gipfel (erst-) zu besteigen, von dem wir nicht mehr als ein Foto in der Tasche haben. Schuld war eigentlich das dritte Bier an einem Abend mit Gregor, dass diese Idee mal wieder hervorgekramt wurde. Nur wohin? Durch gute private und berufliche Kontakte nach Nepal wusste ich, dass die Mount Everests und Annapurnas in Nepal in der absoluten Minderheit sind. Dazu genügt eigentlich auch ein flüchtiger Blick auf die Landkarte: im gesamten Westteil Nepals – also „Far Western Nepal“ - gibt es vielleicht insgesamt 5 Berge, von denen wir schon einmal gehört hatten. Alle anderen Berge? Information Fehlanzeige!

Die grobe Region hatten wir also schonmal. Nur wohin bzw. auf welchen Berg genau? Diese Frage zu beantworten kostete uns viele Nächte. Zutat 1 für die schlaflosen Nächte: Eine Liste unbestiegener Berge vom nepalesischen Tourismusministerium, für die man auch ein Permit bekommt. Zutat 2: die extrem empfehlenswerte Webseite www.himalaya-info.org, die wohl die größte Fotosammlung der Berge Nepals (noch dazu penibel höhenkotiert) umfasst. In ebendiesen schlaflosen Nächten haben wir tausende Fotos mit den Höhenangaben der unbestiegenen Gipfel (viel mehr Infos hatten wir nicht) verglichen, bis wir endlich unsere Berge gefunden hatten und wussten: in den Kanti Himal bzw. nach Mugu soll es gehen – innerhalb vom schwer erreichbaren Far Western Nepal noch einmal die wohl abgelegenste Region.

Der Rest knapp erzählt: Wir verbrachten insgesamt einen Monat in Nepal, in dem wir abseits von Kathmandu in der gesamten Zeit nicht einen weiteren Touri getroffen haben. Strapazierten unsere Bandscheiben in vielen Stunden Bus- und Jeepfahrt auf Pisten, die bei uns vielen Land-Rover-Fahrern Schweißperlen auf die Stirn treiben würden (auch uns teilweise als Beifahrer) – und bemerkten, wie abseits von allem auf dieser Welt die Leute in Far Western Nepal und speziell in Mugu wirklich leben. Stellten fest, dass das, was wir auf unserem Weg ins Basislager als großes Abenteuer empfunden haben, für die dort lebenden Leute einfach der Alltag ist. Und merkten, dass wir für die Leute vor Ort genauso exotisch waren wie sie für uns (ganz hinten in den letzten Ort Mugu kommt im Schnitt vielleicht eine Trekkinggruppe pro Jahr vorbei). Wir wanderten 5 Tage durch das wirklich atemberaubend schöne Tal des Flusses Karnali von Gamghadi nach Mugu und weiter in das Nebental des Kogi Khola, in dem wir wahrscheinlich erst die dritte Expedition überhaupt waren. Bestiegen einen 6.159 m hohen Gipfel, von dem wir später von Einheimischen erfuhren, dass er Koiki heißt. Und für den wir kaum später vom Nepalesischen Tourismusministerium als Erstbesteiger registriert wurden (die Stille Post ist in Nepal manchmal schneller als das Internet – denn eigentlich wollten wir das unter dem Radar halten). Ob wir nun wirklich die Ersten waren, das wissen wir nicht – aber dem Erlebnis ist das ja egal.

Aber wie kam die Stille Post zustande? Die Leute in Mugu (dem mit 3.400 m Seehöhe höchstgelegenen Ort auf unserer Route) waren so begeistert, dass mal jemand auf einen IHRER Berge steigt und nicht immer nur auf die Everests und Ama Dablams, dass sie gleich mal einen Artikel darüber in der regionalen Zeitung publiziert haben. Wir hatten wirklich das Gefühl, dass das für sie wie ein Startschuss für einen Bergtourismus war (wie gesagt: es kommt dort wirklich fast nie wer vorbei, der nicht Tibeter oder Nepalese ist). Von der Regionalzeitung war es dann offensichtlich ein kurzer Weg in all die anderen nepalesischen Zeitungen wie „Himalayan Times“, in denen wir uns plötzlich wiedergefunden hatten.

Die Freude und vielleicht auch die Hoffnung der Einheimischen ist vielleicht überhaupt der Grund für diesen Artikel. Einfach Werbung für diese fantastische Region zu machen und Euch im Folgenden ein paar Tipps für die Planung zu geben – auch wenn wir Euch damit vielleicht sogar ein wenig um das Gesamterlebnis einer „ganzheitlich notwendigen“ Planung bringen:

  1. Dauer: Schminkt Euch ab, in den Far Western Nepal reisen zu wollen, wenn Ihr weniger als einen Monat Zeit habt (für reines Trekking reichen vielleicht ein paar Tage weniger). Man muss für die Anreise ab Kathmandu bis zu den letzten ohne Muskelkraft erreichbaren Orten wie Gamghadi oder Simikot definitiv 3 Tage rechnen: ein Tag Inlandsflug nach Nepalgunj und dann 2 volle Tage Rumpelpiste bis in die Orte. Simikot und Gamghadi (Rara Airport bzw. auch Talcha genannt – der Flughafen für Mugu) sind zwar auch per Flugzeug erreichbar – allerdings nur per Sichtflug und in der Prioritätenreihung der Inlandsflughäfen ganz hinten gereiht. Sprich: die sowieso nur 2x in der Woche terminisierten Flüge (zumindest bei Talcha) finden nur statt, wenn alle anderen Flughäfen wie Lukla keine Engpässe mehr haben (15 kg + Handgepäck, der Rest muss auf der Straße transportiert werden). Nimmt man die Wetterunsicherheit dazu, kann man noch nicht von Pech reden, wenn die An- oder Abreise dann doch 4 Tage dauert.

  2. Die Anfahrt mit Bus ist aber so spannend, dass sie zumindest in eine Richtung unbedingt eingeplant werden sollte. Nur so bekommt man ein Gefühl dafür, wie abgelegen die Region wirklich ist.

  3. Wetter: Wie im Khumbu sind Oktober/November und dann noch April die beste Zeit. Far Western Nepal bekommt in Summe allerdings weniger Niederschläge ab als Everest und Annapurna, was sich auch in kleineren Gletschern zeigt. Von der Temperatur her hat es im Basislager im Zelt bis zu -10 °C gehabt – im Hochlager und außerhalb des Zeltes dann entsprechend kälter.

  4. Zur Recherche ist wie oben erwähnt die Webseite www.himalaya-info.org super. Die oben erwähnte Gipfelliste gibt es beim Tourismusministerium und bekamen wir über unsere phänomenale Trekkingagentur Region Treks Ltd. (ein bisschen Werbung haben sie sich wirklich verdient ????). Permits zu bekommen für Gipfel, die nicht auf offiziellen Listen stehen, ist zwar theoretisch möglich (außer der Gipfel ist heilig). Aber das Prozedere ist so umständlich inkl. ungewissem Ausgang, dass man sich lieber an die Gipfel hält, für die es Permits gibt. Das Permit muss persönlich beim Ministerium abgeholt werden, was in der Regel einen zusätzlichen Tag Aufenthalt in Kathmandu bedeutet (Samstags geschlossen).

  5. In Far Western Nepal gibt es keine Achttausender, wenige Siebentausender und unzählige Sechstausender. Aufgrund der kleineren Gletscher als in anderen Regionen gleicher Höhe (Tien Shan, Pamir, Karakorum, Khumbu) haben die Berge oft Westalpenformat. Was nicht heißen soll, dass es nicht Linien gibt, mit denen man locker den Piolet d´Or gewinnen kann. Die Felsqualität war zumindest in unserem Tal gut, wobei reine Felstouren nur auf untergeordnete Gipfel zu haben sind. Aber Bilder sagen mehr als Worte – sprich die Webseite in Punkt 4 gibt Dir alle Infos die Du brauchst.

  6. Wo es Orte gibt, gibt es auch Wege. Dies war ein Mitgrund, dass wir uns genau für diese Anmarschroute entschieden haben. Das Kartenmaterial ist grottenschlecht (da war im oberen Talbereich sogar eine Landesstraße von China kommend eingezeichnet) – auf Onlinekarten und Satellitenbildern sieht man aber eh recht viel. Bergfex hat ganz gute topografische Karten über das Gebiet.

  7. Wir haben uns übrigens 5 Wochen lang mit Hypoxiezelten vorakklimatisiert. Gebracht hat es uns definitiv was - wobei speziell bei unserer Route durch den Umstand, dass zwischen Abflug daheim und dem ersten Tag über 3.000 m 10 Tage vergangen sind, doch einiges an Akklimatisation wieder verpufft ist. 5 Wochen Vorakklimatisation für einen Sechstausender ist nicht unbedingt notwendig, aber 3 Wochen unserer laienhaften Erfahrung nach aber Minimum.

  8. Die wilden Unwetter mit beträchtlichen Schneemassen und den damit verbundenen Unfällen in Nepal Anfang und Ende Oktober dieses Jahres haben gezeigt, dass auch „normales“ Trekking in Höhen über 4.000 m Seehöhe immer eine verlässliche Wettervorhersage braucht. Im Khumbu gibt es in vielen Lodges WLAN, in Far Western Nepal gerade in Gamghadi noch Internet. Sprich: ein Satellitentelefon oder zumindest ein Garmin GPS mit der Möglichkeit, Wetter-SMS zu bekommen (gar nicht so schlecht!) ist Pflicht.

  9. Punkt 7 bringt uns zur Stromversorgung. Wir sind nun wirklich bei den Details, haben wir aber vom Rechercheaufwand unterschätzt. Wir haben pro Person ein 45W- bzw. 60W-Solarpanel und die größte für den internationalen Flugverkehr zugelassenen Powerbank (max. 100 Wh) mitgenommen. Ist fast oversized wenn das Wetter und die Sonneneinstrahlung im Basislager passt. Das Problem war eher, dass ohne Bastelei bei allen Kombinationen (wir haben verschieden Powerbanks und Panels probiert) trotz USB-C PD nur mit max. 11 Watt geladen wurde – was eine Ladezeit von 10 Stunden bei voller Sonne bedeutet. Ein Freund hat uns aber für die Ecoflow-Panels einen Zigarettenanzünder an das Ladekabel gelötet, wodurch wir deutlich schneller laden konnten. Alternativ sind richtige Powerstations und große Panels (z.B. von Goal Zero) auch in Kathmandu erhältlich. Sie sind aber teurer als bei uns und man kann sie wegen der aktuellen Flugbestimmungen nicht mit nach Hause nehmen.

Special Thanks (auch dafür muss Platz sein) an unseren Hauptunterstützer Berghaus, aber auch an Rab, Nemo und Mammut

Stefan Lieb-Lind mit Gregor Pribernig, Sandro Kanduth, Erwin Weissmann und Valentin „Volte“ Mak

Text und Fotos: Stefan Lieb-Lind

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